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In der aktuellen Ausgabe von a3BAU – dem Fachjournal für alle mit Planung und Bauausführung beschäftigten Unternehmen – spricht Walter Kreisel über die Energiewende, erneuerbare Energie, elektrische Speichertechnologien und die Zukunft der Energiebranche.

a3BAU: Sie sind überzeugt davon, die Welt mit der Energie aus erneuerbaren Quellen „elektrifizieren“ zu können. Sie gelten als Verfechter der Energiewende. Was heißt das konkret für Sie?

Walter Kreisel: Energiewende war lange nur eine Idee. Jetzt stehen wir am Tipping Point, der einen Systemwechsel bringt. Ich mag den Begriff disruptiv nicht. Weil ich glaube, dass alles evolutionär ist. Die Technik wird immer besser, die Produkte immer effizienter im Wirkungsgrad. Man kann Energie vor Ort, also dezentral und großflächig produzieren. Diese Anlagen rechnen sich immer schneller, sodass das investierte Geld wieder zurückkommt. Entweder zu denen, die eine Immobilie betreiben und vermieten oder zu denjenigen, die gemeinsam, in einer Gemeinschaft, eine Immobilie betreiben. Das heißt, die Energiewende kann kapitalistisch betrieben werden, genauso wie gemeinnützig. Bringt aber für die Umwelt immer einen Vorteil.

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Sie sehen darin ein neues Geschäftsmodell?

Aktuell werden alle fossilen Energieträger verbrannt. Das heißt, der Konsument, der Wärme oder Strom als letzter in der Wertschöpfungskette nützt, bezahlt immer etwas, was danach weg ist. Das war bislang ein sehr einfaches Geschäftsmodell: Etwas zentral zu fördern und dann zu verbrennen, heißt das der Kunde bezahlt und bezahlt und bezahlt. Jetzt, wo anstatt fossiler Energieträger erneuerbare Energien so wirkungsgradintensiv sind und eine so hohe Lebensdauer haben, heißt das: Wenn ich heute ein Investment mache, habe ich es einmal abbezahlt und zweimal verdient, was eine unglaublich hohe Rendite über den Lebenszyklus ausmacht. Gegenüber fossilen Energien sind erneuerbare Energieträger klar im ökonomischen Vorteil. Das ist eigentlich die Energiewende, oder sagen wir Systemwende.

Es macht überhaupt keinen Sinn mehr, fossile Energieträger zu verbrennen.

Hauptsächlich spricht man ja von Ökologie im Zusammenhang mit erneuerbaren Energieträgern …

Die Ökologie ist das Abfallprodukt der Energiewende. Das ist extrem lässig. Da möchte ich noch einen Punkt erwähnen: Erneuerbare Energien sind zu 90 Prozent recycelbar, also zumindest die neuen – Wind und auch Photovoltaik. Batterien und Photovoltaik-Elemente und auch Windräder mit Metall, Kupfer und Stahl können wieder mit erneuerbarer Energie recycelt und in den Prozess zurückgeführt, mit neuen Materialien verbessert und in der Wertschöpfungskette behalten werden. Damit ist ein ökologischer Rohstoffeinsatz möglich, auf Basis von erneuerbaren Energien. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Technologien in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben, werden die Business Cases immer besser werden. Es macht überhaupt keinen Sinn mehr, fossile Energieträger zu verbrennen. In keiner Konsequenz.

Warum geht dann die Energiewende so langsam vonstatten?

Im alten Geschäftsmodell, wo ich Energie einfach verbrenne, kann man seine Rendite aufschlagen, weil das Öl aufgrund der Förderung immer einen gewissen Preis hat. Ein Photovoltaik-Park hingegen kann sich amortisieren, gestern 15 Jahre, heute zehn Jahre und bald zwei oder drei Jahre. Wenn sich große zentrale Erzeugungsanlagen so schnell amortisieren, mein Geschäftsmodell aber auf Rendite aufbaut, müsste ich in Relation zu den Herstellungskosten eine immer höhere Rendite aufschlagen, um meinen Apparat zu erhalten. Wenn aber erneuerbare Energien immer billiger werden aufgrund der Effizienzsteigerung der Technologie, werden die Grenzkosten Richtung Null fallen. Das heißt, jeder, der einen Wasserkopf hat, wird die Energiewende verhindern. Ob sie ökologisch Sinn macht oder nicht.

Das macht sich am Markt bemerkbar …

Absolut. Tesla braucht weniger Marge als andere, weil das Geschäftsmodell ganz anders aufgestellt ist als etwa bei den etablierten, wo man viel mehr Marge braucht, weil der Konzern unglaubliche Ausgaben bewältigen muss. Wenn aber das Grundprodukt keine Marge mehr zulässt, weil der Einkauf null Euro beträgt, dann liegt die Marge auch bei tausend Prozent Aufschlag bei null. Wenn sich große zentrale und dezentrale Energieproduktionsanlagen in 15 Jahren amortisieren, dann hat jeder, der eigentlich auf eine Kilowattstunde was aufschlägt, ein Problem. Dann muss er sein Geld mit Service, Beratung, Premium, irgendwie mit Digitalisierung verdienen. Die Energiewende führt zu einer Systemveränderung.

Speaker bei den österreichischen Bautagen: Als Vordenker und passionierter Verfechter der Energiewende beleuchtet Walter Kreisel die Vergangenheit, stellt den Status quo in Frage und schafft es auf seine ganz besondere, faszinierende Art und Weise, Lösungen aufzuzeigen, die unmittelbar erreichbar scheinen und auch ökonomischen Mehrwert schaffen.

Was ist mit den Diskussionen über die Verwertung von Alt-Batterien, deren Entsorgung problematisch ist?

Das sind Diskussionen, die am Stammtisch geführt werden.

Sie haben eine andere Meinung dazu?

Reduzieren wir das mal auf die einfache Dose Cola. Meine Mutter hat immer gesagt, eine Cola-Dose darfst du nicht kaufen – nicht wegen des Koffeins und des Zuckers, sondern weil die Dose in der Herstellung einen sehr hohen Energiebedarf hat. Das ist Verschwendung. Wenn ich diese Dose Aluminium einschmelze, wieder zurückführe in Prozesse, eine neue Dose Aluminium daraus mache und das mit Strom, der aus der Sonne kommt, wo sich die PV-Anlage schon amortisiert hat, dann ist die Energieaufbringung für Aluminium-Dosen nahe bei null Kosten, bis auf die Wartungskosten der Anlage.

Aber Batterien bestehen ja aus vielen Teilen, nicht nur aus Aluminium. Gibt es da nicht auch kritische Bestandteile?

98 Prozent der Bestandteile sind ausreichend vorhanden – ich glaube übrigens auch, dass genug Öl da wäre für die nächsten 100 Jahre. Aber das Problem vom Öl ist, dass nicht zu wenig da ist, sondern dass wir CO2 und Schadstoffe damit produzieren. Wir haben natürlich ein bisschen Kobalt, Silizium und auch Neodym, das sind seltene Erden. Die sind aber nicht schädlich, sie sind nur selten und werden deutlich teurer werden. Wobei man sagen muss, der Kobaltanteil beispielsweise hat sich um 400 Prozent reduziert in den letzten zwei Jahren.

Sie sehen also keine Abhängigkeit, beispielsweise von China, wo die meisten seltenen Erden abgebaut werden?

Doch. Die Abhängigkeiten werden sich von den ölfördernden Ländern in andere Länder verschieben. Aber: Diese Ressourcen können aufgrund der Recycle-Fähigkeit immer wieder verwendet werden. Irgendwann haben wir so viel Lithium gefördert, dass ausreichend Lithium recycelt werden kann und wir nicht noch größere Löcher bohren müssen. Da gibt es genug ökosoziale Studien, die belegen, dass dieser Kreislauf funktioniert. Elon Musk, Jeff Bezos oder Richard Branson arbeiten alle an Raketen zum interplanetaren Rohstoffabbau, das ist der Hauptgrund. Man fliegt nicht zum Mars, um dort zu wohnen, sondern man fliegt zum Mars oder zum Mond, um Rohstoffe abzubauen und Müll wegzubringen. Und diese Raketen werden mit Wasserstoff und Solarpaneelen betrieben, zu 100 Prozent erneuerbare Energie. Und das in 20 Jahren, das erleben wir also noch. Das ist kein Hokuspokus, das wird tatsächlich passieren. Die Abhängigkeit von Rohstoffen, die wird wegfallen, wir werden eher abhängig werden in Form von Digitalisierung, je nachdem, wo die großen Rechenzentren der Erde stehen werden.

Was können wir hier in Österreich tun?

In Österreich sollten wir uns um Patente für unsere Technologien und Innovationen bemühen, damit unser Kontinent Europa eine gewisse Unabhängigkeit bewahren kann. Derzeit ist es so, dass die Rahmenbedingungen gegen die Energiewende wirken. In Deutschland rechnen sich unsere Investitionen in der halben Zeit. Wenn die fossile Lobby so stark ist, dass man Dinge wie Batterien oder dezentrale Erzeugungsund Speicherungsanlagen mit Steuern künstlich verteuert, dann verhindert man, dass ein Business Case aufgeht. Wenn der Staat hier eine Fehlentscheidung trifft, kann er die Energiewende durchaus bremsen, aber nicht aufhalten. Sie ist unumkehrbar. Das Thema ist mittlerweile so transparent, dass auch alle Parteien im Wahlkampf das Thema Energiewende und Klimapolitik aufgenommen haben. Und ganz ehrlich: Die Menschen werden es nicht akzeptieren das der eigenproduzierte Strom sowie die eigenen Äpfel am Baum versteuert werden. Eigenproduzierter Strom, dann sind wir schnell bei der E-Mobilität etc.

Wo liegen da technisch noch die Knackpunkte?

Die Leitungsnetze sind zum großen Teil kein Knackpunkt. Die österreichischen Netze sind zu 90 Prozent gut genug ausgebaut. Die Frage ist nur: Ist die Immobilienwirtschaft soweit? Wenn ein Gebäude in Betrieb geht, ist die Frage, wie hoch sind die Betriebskosten und die Lebenszykluskosten, heruntergebrochen auf die Wohnung oder den Quadratmeter. Aktuell sind Wohnungs- und Immobilienmarkt aber getrieben von den Herstellungskosten.

Sie wollen hinaus auf den Zielkonflikt Wohnungsnutzer und Investor?

Genau. Aktuell sitzt der, der die Quadratmeter baut oder kauft, nicht im gleichen Boot wie der, der die Miete bezahlt. Gebäude, die langfristig selbst Strom produzieren und diesen Strom dem eigenen Mieter geben, haben eine höhere Bonität und sollten bei den Banken zu besseren Konditionen finanzierbar sein, weil sie über den Lebenszyklus deutlich günstigere Betriebskosten haben.

Das zeichnet sich am Markt aber noch nicht wirklich ab …

Da komme ich mir vor wie ein Apostel, der sagt: Moment mal, ihr Grundstückseigentümer, Immobilienentwickler und Immobilienbetreiber, ihr sitzt in einem Boot. Euer Geschäft ist eigentlich kurz vor dem Zusammenbruch. Wenn jemand kommt, der das gemeinschaftlich sieht und die Kostenvorteile an seine Mieter weitergibt, beispielsweise der Gemeinnützige, so muss sich der frei finanzierte Wohnbauträger eigentlich fürchten. Wenn die ersten 30 Gebäude in Wien stehen, wo es heißt, für 100 Wohnungen in 15 Jahren haben wir um zwei Millionen Euro weniger Betriebskosten im Vergleich zu konventioneller Energieversorgung, werden die Mieter hier nicht mehr mitspielen. Und die Banken werden merken, dass diese konventionell betriebenen Häuser nicht mehr voll verwertbar sind, und werden diese Gebäude schlechter in ihrer Bonität bewerten.

Aber wie bekommt man diesen Gedanken in den Markt? Welche Rahmenbedingungen müsste man da ändern?

Es ist alles da. Seit 2017 kann man Eigenstrom weiterverkaufen. Derzeit scheuen sich Bauträger noch, die Gebäudetechnik und Energieversorgung ins eigene Portfolio zu holen. Es ist natürlich schön, gewisse Dinge abzugeben, die komplex sind. Aber das wird kommen. Es gibt schon einige Bauträger, die sehr innovativ sind und sagen, wir kümmern uns um die Elektrifizierung und Digitalisierung, die wollen wir selbst verstehen. Die Tendenz ist, dass Hausverwaltungen nicht mehr nur Teppiche reinigen oder Salz streuen, sondern sich um den Betrieb dieser Anlagen kümmern.

Das heißt, den Bauträgern fehlt Know-how?

Wobei man eigentlich den Freifinanzierten Druck machen müsste, sich bei den Gemeinnützigen die Innovation anzuschauen, weil die eher in diese Richtung denken. Viele Freifinanzierte denken ja nur an Rendite und schnell Quadratmeter zu verkaufen. Tausende Dieselfahrzeuge werden in einer Halle stehen und keiner wird sie kaufen, weil die Leute sagen: Moment mal, ein Elektroauto ist ja im Betrieb innerhalb weniger Jahre deutlich billiger, weil der Strom wesentlich weniger als die fossile Energie kostet. Und so wird es mit den Gebäuden auch passieren.

Wie soll sich die Bauwirtschaft auf die Energiewende vorbereiten?
Ich würde dem Bauträger raten eine F&E-Abteilung zu installieren, mit Personen, die sich um die Digitalisierung kümmern, die Elektrifizierung und die Beschaffung. Wichtig ist auch den Lieferanten auf die Finger zu klopfen, eine CO2-Bilanz auszuweisen, denn der Footprint wird immer wichtiger.

Und die Installationsbranche, die sollte die Energiewende ja maßgeblich mittragen …?

Die ganz kleinen Betriebe sind hoch innovativ und sollten sich verbünden. Vor allem müssten sich der Elektrobetrieb X und der Hausinstallateur Y zusammentun, das wäre ganz wichtig. Man muss sich vorstellen: Der Installateur, der bis heute Rohre abgedichtet hat, muss jetzt eine hoch technologische Automationsanlage für Wärmepumpen liefern. Und ein Elektriker, der in Schläuche Kabel eingezogen hat, muss Steuerungssysteme für künstliche Intelligenz einbauen. In den 70er-Jahren hat man diese Trennung der Gewerke eingezogen, heute macht das beides ein Energietechniker. Und wenn der eine die andere oder der andere die eine Kompetenz nicht mitbringt, dann wird er ein Problem haben.

Das heißt, die Wende wird einen kompletten Umbruch in der Bauwirtschaft bringen?

Spätestens wenn der Energieausweis ein Gebäude Cradle to Cradle abbildet, wird es nicht mehr um den Quadratmeter Miete plus Strom, Wasser, Wärme, Reinigungskosten und Versicherung gehen, sondern wie kann man langfristig einen Quadratmeter Büro- oder Wohnfläche so lange wie möglich so günstig wie möglich bereitstellen. Die Kosten für Energie werden mit den Erneuerbaren in Richtung null gehen. Das glaubt jetzt noch keiner, aber das Internet hat es uns vorgemacht. Jedes Kilobyte hat früher Geld gekostet, heute ist das Internet nur ein Transportmittel für Services. Mit konventionellen Bau- oder Betriebsprozessen wird man mit einer Immobilie kein Geld mehr verdienen.

Von welchem Zeitraum sprechen wir da?

Spürbar wird das in fünf bis zehn Jahren werden.

Nur? Sie rechnen nicht mit Widerstand der Old Economy?

Wo war der Widerstand beim Smartphone? Unvorstellbar – ein Handy ohne Tastatur. Aber das war unaufhaltsam. Wo war der Widerstand beim Tesla? VW hat vor zwei Jahren gesagt, in ein paar Jahren sind 70 Prozent aller Fahrzeuge elektrisch. Ich kann keinen Widerstand erkennen. Widerstand ist, wenn man etwas 200 Jahre aufhält. Widerstand braucht man, um etwas zu verhindern, um etwas abzudrehen, aber nicht um etwas aufzudrehen. Die Elektrifizierung, Digitalisierung, das geht alles total schnell. Aber das ist alles evolutionär, keine Revolution, man muss akzeptieren dass sich das Rad einfach schneller dreht. Revolution wäre Telepathie.

Zum Schluss drängt sich für mich die Frage auf: Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit erneuerbarer Energie zu beschäftigen?

Im elterlichen Betrieb hatte ich immer auch die Perspektive aus Kundensicht. Ich glaube, dass für viele Unternehmen der Kunde der Störfaktor ist. Ein Hersteller von Hardware verkauft an den Elektrotechniker, der Elektrotechniker an den Energieversorger, der Energieversorger an den Bauträger, der Bauträger an den Investor und irgendwo in dieser Kette wird der letzte, der Anwender, in seinen finanziellen oder spirituellen Bedürfnissen eigentlich nicht mehr gehört. Ich habe mich aufgestellt mit einem Team, dass das technische Know-how mitbringt und die Perspektive des letzten in der Kette, nämlich des Endkunden. Ein gewisses technisches Grundverständnis war auch immer vorhanden und ich beschäftige mich viel mit Software.

Wo war der Auslöser, sich so intensiv mit Batterien auseinanderzusetzen?

Erster Auslöser war der Bau meines Hauses im Jahr 2009. Der zweite Auslöser war das Thema elektrochemischer Speicher. Einer meiner Cousins hatte eine Batterie entwickelt, wo wir gesehen, das eine ist die Funktion der Batterie, das andere die Anwendung. Was ist wirklich der Nutzen für den Anwender in letzter Konsequenz. Ich war auch viel in Afrika und Indien unterwegs und mir ist klar geworden, wir müssen unseren Wohlstand mit diesen Menschen teilen. Die unendliche Konsumation von Energie, ökologisch vertretbar, ist das Ziel. Mein Antrieb ist, jedem und überall Strom sauber zur Verfügung zu stellen. Denn Strom ist die Quelle, um Wertschöpfung zu betreiben.

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